Ekkehard Schönwiese über Rauhnacht
Die Zillertaler haben Christina Kühnreich als Autorin im Zusammenhang mit dem biennalen Theaterfestival “stummer Schrei” schätzen gelernt.
Ihr Stück “Mit kalter Hand” veranlasste Martina Keiler von der Volksbühne Aschau der Autorin anzubieten, den Stoff der “Thurnbacherin” neu zu fassen.

Die Geschichte, die vor hundert Jahren Rudolf Greinz aufgegriffen hat, handelt von einem Weibsteufel wider Willen. Eine missbrauchte Magd
unterdrückt Demütigungen bis zu dem Zeitpunkt, der sie in die Lage versetzt,
selbst Macht auszuüben. Dabei geraten Leidenschaften außer Kontrolle.
Die alte patriarchalische Ordnung der Dinge mit ihren Ritualen
verliert ihre Macht über die bösen Geister, die im Kampf der Geschlechter
die Waffen bestimmen. Kühnreich lässt die Geister der Rauhnacht
auftreten, siedelt die Handlung im Jahr 1815 an, an der Schwelle
einer Zeit der Überwindung des Aberglaubens, am Beginn einer
Friedenszeit, die keine Aufbruchszeit war, umso schwerer an den Altlasten
der Vergangenheit zu tragen hat, vor allem in sozialen Fragen.
Das ritualisierte Leben am Erbhof wird zum Sinnbild für ein gesellschaftliches
Leben, das dem Einzelnen das Recht auf Eigenleben abspricht. Er hat zu
funktionieren oder wird eliminiert. Du bist nichts, hast nur die Wahlmöglichkeit,
entweder zu den Opfern oder zu den Tätern zu gehören.



Das Leben auf dem Thurmbachhof im Jahr nach dem Ende der “Freiheitskriege”.
Stolz sind die Bauersleute auf ihren schönen Hof. Friedlich und idyllisch
liegt das Gehöft auf einer Anhöhe. Der verstorbene Altbauer
kehrt aus dem Seelenreich zurück und erinnert sich an seine Lebzeiten. Fast
wie „der Herrgott selbst“ fühlt sich der Thurmbachbauer, wenn er auf seine
weiten Felder blickt. „... da muss man sich in acht nehmen, dass man nicht
hochmütig wird, sonst straft einen der Herr ...“, sinniert er wehmütig. Die
harte Arbeit hat ihn manchmal erdrückt, doch neuen Mut bekam er,
wenn der Hof wirtschaftlich gut da stand, weil alle zusammenhalten, und
„nur einer kann der Bauer sein“, damit alle genug zum Leben haben in den
kargen Zeiten nach den Franzosenkriegen. Aber es gab auch Zeiten, da
schlug ihm die harte Arbeit aufs Gemüt. Teuflische Gedanken haben
ihn getrieben und er wollte sein Glück erzwingen. So lastet eine schwere
Schuld auf der armen Seele des Thurmbachbauern und er findet keinen
Frieden.



“Wenn Du auch kaum Zeit finden wirst, dir alle Stücke im Sommer anzusehen”,
sagte mir Werner Kugler, der Obmann des Theaterverbandes,
“in jedem Fall musst du nach Aschau. Es hat mich schon lange kein Stück so
berührt. Der Uraufführungsreigen in unserem Land in diesem Sommer ist
gewaltig und immer mehr Frauen schreiben für unsere Bühnen. Gerade
da kommen ganz neue Farben ins Spiel mit Themen aus der Vergangenheit
des Landes. Kein Lachen und kein Applaus war zwischen den Szenen zu hören, die
Zuschauer waren zu sehr in die harte, gefühlskalte Welt des Thurmbachhofs
eingetaucht. Leichter Nieselregen während des Begräbnisses unterstrich
die dramatische Stimmung.”

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